
Das Chorprojekt St.Gallen (1989-2026) ging aus dem Kantonalen Lehrergesangverein St.Gallen KLGV hervor. Hier die wesentlichen Meilensteine:
1985: Peter Roth wird Dirigent des Kantonalen Lehrergesangvereins (KLGV). Er übernimmt die musikalische Leitung von Paul Schmalz. Seine erste Probe leitet er am 9. November 1985.
1989: Das Chorprojekt St.Gallen wird gegründet. Das Chorprojekt St.Gallen geht aus dem Kantonalen Lehrergesangverein St.Gallen (KLGV) hervor. In den ersten Jahren nach der Gründung bleibt der KLGV als Verein bestehen. Der Chor nennt sich «Chorprojekt des Kantonalen Lehrergesangvereins St.Gallen». Nachdem der Verein keine finanzielle Unterstützung vom Erziehungsdepartement des Kantons St.Gallen mehr erhält, gründen die Mitglieder den neuen Verein «Chorprojekt St.Gallen». Das Chorprojekt St.Gallen steht allen Interessierten offen. Für jedes Projekt werden Mitwirkende gesucht. Viele Sängerinnen und Sänger wirken über mehrere Jahre an verschiedenen Projekten mit. Von der Gründung bis zur Auflösung steht das Chorprojekt unter der künstlerischen Leitung von Peter Roth.
1990 – 2025: Aufführungen und Bergeller Singwochen. 1990 macht das Chorprojekt mit den beiden Werken «Requiem op. 48» und «Misa Criolla» zum ersten Mal auf sich aufmerksam. Anschliessend folgen jährlich (ausgenommen 2015) neue Aufführungen. Seit 1990 bietet Peter Roth den Chorprojekt-Mitgliedern und weiteren Interessierten Singwochen im Bergell an, in der Regel im August. Das spezifisch erarbeitete Programm wird am Schluss der Woche in einem geeigneten Raum (meist eine Kirche) vor Ort aufgeführt. Mit dem Weihnachtsoratorium «Friede auf Erden» von Peter Roth verabschiedet sich das Chorprojekt Ende 2025 von seinem Publikum.
Weitere Informationen zum Chorprojekt: chorprojekt.ch
Weitere Informationen zu Peter Roth: peterroth.ch
Vom Gängigen zum Einzigartigen
Peter Roth, Musiker, Gründer und musikalischer Leiter des Chorprojekts St.Gallen
Schon als ich den Kantonalen Lehrergesangverein St.Gallen (KLGV) 1985 von Paul Schmalz übernahm, war ich überzeugt, dass dieser Chor eine neue Zukunft verdient. Repertoirechöre gab es zuhauf, und sie wurden vom Publikum gnadenlos verglichen. Wer singt glanzvoller eine Bach-Kantate? Wer verleiht einem Werk von Bruckner mehr Volumen? Wer schafft das hohe a bravouröser?
Ich wusste, dass der KLGV mit seinen Laiensängerinnen und -sängern in diesem auf Konvention getrimmten Umfeld nicht bestehen würde, zumal viele Chöre – wie übrigens teilweise auch der KLGV unter Paul Schmalz – ihre musikalische Qualität mit routinierten Gastsängerinnen und -sängern zu heben versuchten. Dass die Chormitglieder alles andere als begeistert davon waren, versteht sich von selbst.
Eine lebendige Musikszene lebt von Vielfalt. Wer sich vom Einheitsbrei abhebt, wird beachtet. Bereits während der vier KLGV-Jahre betrat ich mit dem Chor Neuland – mit eigenständigen und unkonventionellen Liederprogrammen. 1989 war es dann so weit: Aus dem KLGV entstand das Chorprojekt St.Gallen. Um weiterhin den jährlichen Beitrag des St.Galler Erziehungsdepartements von 2000 Franken zu sichern, liessen der damalige Vorstand und ich den KLGV als Verein bestehen und nannten uns «Chorprojekt des Kantonalen Lehrergesangvereins St.Gallen». Als später die Zuwendungen des Erziehungsdepartements versiegten, gründeten wir den Verein «Chorprojekt St.Gallen». Damit war der Wortteil «Lehrer» definitiv aus dem Namen verschwunden. Schon lange vorher hatte sich der Chor für alle Menschen – unabhängig von Beruf und Herkunft – geöffnet.
Neu gab es zwei Formen der Mitgliedschaft: eine dauerhafte im Verein, mit der Möglichkeit, bei bestimmten Projekten pausieren zu können, und eine temporäre, auf ein Projekt bezogene Mitgliedschaft. Diese Offenheit trug dazu bei, dass unser Chor meistens über genügend Sängerinnen und Sänger verfügte.
Über allen diesen organisatorischen Überlegungen stand meine Überzeugung, dass wir als Chorprojekt musikalisch und inhaltlich neue, eigenständige Wege gehen mussten. So konnte ich mein musikalisches Schaffen einer breiteren Hörerschaft zugänglich machen. Dazu gehörten nicht nur Aufführungen von Eigenkompositionen, sondern auch Verbindungen zu alpenländischen und weiteren Musikkulturen, aber auch zu Werken anderer Komponisten. Die Übersicht über unsere Aufführungen zeigt den Reichtum dieses Konzepts.
Ebenso wichtig ist mir eine Werthaltung, die von Respekt geprägt ist – gegenüber allen Menschen dieser Welt, gegenüber allen Kulturen und ganz besonders auch gegenüber der Natur. Die Botschaft dazu wurde nicht in ritualisierten lateinischen Floskeln, sondern in klarem Deutsch vermittelt. Verständlichkeit war schon ein Anliegen der evangelischen Reformatoren. Ein Blick auf unsere aufgeführten Konzerte verdeutlicht diese Haltung klar.
Unser Erfolg beruhte aber nicht allein auf dem geschilderten Konzept, sondern auch auf alltäglicher Knochenarbeit. So galt es, für unsere Projekte Geld zu beschaffen, damit Kosten wie die Honorare für Musizierende, die Produktion von Werbemitteln, Raummieten, Infrastruktur usw. gedeckt werden konnten.
Mit grosser Dankbarkeit denke ich an die zahlreichen Mäzene und Stiftungen, die unsere Arbeit grosszügig unterstützten. Besonders in Erinnerung bleibt mir Thomas Dietschweiler, der zeitweise auch als Sänger und Vorstandsmitglied in unserem Chor mitwirkte, der uns mit zum Teil sechsstelligen Summen unterstützte und so unter anderem auch die Aufführung von «Transition» ermöglichte.
Ein weiterer grosszügiger Unterstützer war der Toggenburger Transportunternehmer und FDP-Kantonsrat Jacques Grob, ein echter Liberaler, der auch gegenüber Gedankengut ausserhalb des Mainstreams offen war. Seine grosse Wertschätzung gegenüber Niklaus Meienberg bekräftigte er mit einem namhaften Betrag an «Media vita – ein Requiem für die Lebenden». Dieses Werk komponierte ich nach Texten von Notker Balbulus und Niklaus Meienberg zum Kantonsjubiläum 2003.
Der von unserem Chormitglied Peter Riegg vermittelte Heinz Stamm, Präsident von drei Herisauer Stiftungen, bleibt mir in besonderer Erinnerung. Beim Gespräch blätterte er neugierig in der Partitur der Oper «Spinnen» herum, fragte mich, wie eine solche Partitur zu lesen sei und welcher Inhalt hinter diesem Werk stehe. Ich erklärte ihm alles. Daraufhin schnappte er sich das nächste greifbare Stück Papier, schrieb mir die Namen von fünf Stiftungen darauf und den Betrag, den jede Stiftung leisten sollte. Bei vier Stiftungen setzte er einen Betrag von je 10‘000 Franken dahinter, bei der fünften Stiftung 16‘000 Franken. So sollten die notwendigen 56‘000 Franken zusammenkommen. Er drückte mir den Zettel in die Hand und sagte: «Stellen Sie bei diesen Stiftungen ein Gesuch und beziehen Sie sich dabei auf mich.» Es klappte auf Anhieb.
Eine weitere, allerdings sehr bescheidene, Geldquelle waren die Kollekten nach den Konzerten. Anfänglich verzichteten wir auf Platzreservationen und Ticketverkäufe. Diese Einfachheit hatte auch Schattenseiten: Viele Besucherinnen und Besucher betraten den Konzertraum möglichst früh, besetzten die besten Plätze mit Kleidungsstücken und beschrifteten Zetteln und sorgten so für Verärgerung. Ebenso ernüchternd waren die Kollekten. In der Regel lag der Beitrag pro Kopf unter zehn Franken!
Die Situation besserte sich, als wir statt lederverschnürter Körbchen breit geöffnete Spendenkörbe einsetzten, bei denen die gespendeten Beträge besser sichtbar wurden. Und sicher half auch der humorvolle Hinweis unseres Präsidenten Thomas Diener, dass «Rascheln erwünschter ist als Klimpern».
Nach und nach wurde unser wachsender Publikumserfolg zum Problem. Oft kamen mehr Besucher, als Plätze zur Verfügung standen. Viele, oft von weit Hergereiste, mussten dann frustriert die Heimreise antreten.
Ein prägendes Ereignis war ein Konzert in der Laurenzenkirche St.Gallen. Rund 300 Personen fanden keinen Platz mehr. Der Präsident der zuständigen Kirchgemeinde trat vors Publikum und bestand darauf, dass alle, die keinen Sitzplatz finden würden, die Kirche verlassen müssten. Verständlicherweise sorgte das für einen Aufruhr. Ebenso nachvollziehbar war die Anordnung des Präsidenten, die feuerpolizeilichen Vorschriften zu befolgen.
Dieser «Laurenzen-Crash» war definitiv der Auftakt zu Platzreservationen und Billettverkäufen. Dass dies sehr schnell möglich wurde, haben wir unserem Mitglied und erfahrenen Werber Urs Andermatt zu verdanken, der seit 2002 eine starke Kommunikation und geordnete Abläufe beim Ticketing gewährleistete – vom Online-Vorverkauf bis zur persönlichen Einweisung vor Ort. Dieser stetige, umsichtige Einsatz von Urs bildete ein wichtiges Fundament, das wesentlich zu unseren weiteren Erfolgen beitrug.
Ein weiterer Dank geht an Thomas Diener, der nach etlichen Wechseln und unsicheren Zeiten ab 2019 zum zweiten und letzten Mal das Präsidium bis zur geordneten Auflösung des Chorprojekts übernommen hat. Seine Führung gab den Mitgliedern das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Orientierung. Und mir war er ein wertvoller Sparringpartner, der mich mit seinen Ideen anregte, meinen Ideen Flügel verlieh und mir, wenn’s denn nötig war, auch einmal die Stirn bieten konnte.
Bei unseren letzten vier Aufführungen des Weihnachtsoratoriums «Friede auf Erden» Ende 2025 spürte ich, dass mir die Kraft zur musikalischen Leitung fehlte; leider kam diese Einsicht sehr spät. Ich bat die hervorragende Organistin und Dirigentin Maja Bösch, die Leitung der letzten Proben und Aufführungen zu übernehmen. Maja, vielbeschäftigte Musikerin und Mutter von drei Kindern, atmete tief durch, liess sich von mir alle Probe- und Aufführungstermine geben und bat um Bedenkzeit. Wenig später rief sie mich an: «Peter, es ist ein Wunder, trotz meiner bestehenden Verpflichtungen habe ich an allen von dir genannten Daten frei.» Innerhalb von drei Wochen gingen wir in drei einstündigen Telefonaten die Partitur durch. Ich war erleichtert – und ausserdem glücklich, dass Maja von der Schönheit und Tiefe meiner Komposition so beeindruckt war.
Wir alle waren beeindruckt von Majas lebhafter, exakter Probenarbeit und ihrer Fähigkeit, das Werk an vier Aufführungen zum Strahlen zu bringen, was vom Publikum jedes Mal mit einem langanhaltenden, begeisterten Applaus verdankt wurde.
Am 13. Februar 2026 löst sich der Verein Chorprojekt St.Gallen auf. Mit Wehmut und Dankbarkeit blicke ich auf rund 40 intensive Jahre zurück. Die vorliegende Chronik und die von Urs Andermatt gestaltete Website chorprojekt.ch, die seit 2002 als wertvolle Informations- und komfortable Reservationsplattform diente, soll bis Ende 2030 als Online-Chronik bestehen bleiben – zusätzlich zur vorliegenden Dokumentation.
Was nachher folgt, bleibt den dannzumal am Chorprojekt interessierten Menschen vorbehalten.
