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Heute feiere ich meinen hundertsten Geburtstag und freue ich mich auf Selenas Tee aus dem dampfenden Samowar. Geburtstagskuchen gibt es keinen. Beim letzten Wochenrapport ist mir nämlich ein peinlicher Übersetzungsfehler unterlaufen. Um die nächsthöhere Pflegestufe zu ergattern, wollte ich dem Kreml-Herrn schmeicheln. Eigentlich wollte ich schreiben: «Ich liebe Väterchen Wladimir.» Da mein Russisch noch Luft nach oben hat, schrieb ich irrtümlicherweise: «Ich ficke Väterchen Wladimir.»

Vor Gericht machte ich verzweifelt darauf aufmerksam, dass ich seit fast 70 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet und bis ins Mark hetero sei. Nachdem die Überwachungskameras aller geduldeten Schwulenklubs im Oblast Helvetska (ehemals Schweiz) gesichtet worden waren und ich darauf nirgends entdeckt werden konnte, wurde ich aus der Untersuchungshaft entlassen. Aber für drei Monate wurden mir alle Süssspeisen gestrichen: keine Schöggeli, keine Desserts, kein Geburtstagskuchen. Wladimirs Homophobie war damit Genüge getan.

Sie staunen sicher, dass Wladimir noch lebt. Eine Frischzellenkur verhalf ihm zu einer Lebensprognose bis Ende 21. Jahrhundert. Zwar mussten einige Hirnregionen stillgelegt und plastifiziert werden, um der Verwesung vorzubeugen. Diese Einschränkung zeigt sich daran, dass seine Reden nur noch halb so lang sind. Das hat viele gefreut und hinter vorgehaltener Hand wird über weitere Stilllegungen gemunkelt.

Übrigens überlebte auch Freund Donald. Die praktisch flächendeckende Stilllegung seiner Hirnregionen ist nicht wahrnehmbar. In seiner Liebesbedürftigkeit gegenüber Wladimir lässt er seinen Namen nur noch kyrillisch publizieren: Дональд.

Die Welt ist tripolar geworden: Afrika, Eurasien und weit abgeschlagen Amerika. Die Afrikaner haben sich nach und nach von ihren schwachsinnigen Kleptokraten verabschiedet und sind auf gutem Weg, sich vom westlichen Mitleidkolonianismus der 2020er-Jahre zu befreien. Und sie sind stolz, wenn man sich ihre Kultur aneignet, weil das schon immer ein Zeichen von Stärke war.

Der Machtblock Eurasien ist ein geballtes Konglomerat, bestehend aus Russland, China, Indien, Südostasien und dem ehemaligen Westeuropa. Amerika steht unter dem Einfluss der Führungsmacht Brasilien. Die USA haben sich wegen interner Konflikte in ihre Staaten zerlegt. Дональд residiert nun im Staat Florida; aus Maga ist die Bewegung Maflohoa (Make Florida Hot Again) hervorgegangen.

Der Heerbrüggler Wald ist abgeholzt und von mächtigen Plattenbauten übersät. Unser Altersheim befindet sich in einem 35-stöckigen Block. Russisch ist Amtssprache, und wir Alten haben unsere liebe Mühe damit. Mit meiner Frau (94) schäkere ich natürlich auf Deutsch. «Du bist ein knuspriges Tessiner Grossmütterchen», scherze ich und streiche ihr über die schön gealterten Wangen. Sie löst jeden Tag kyrillische Kreuzworträtsel, während ich in unbewachten Augenblicken Schwarzmarkt-Heftli in lateinischer Schrift lese. Entsprechend dürftig ist mein Russisch.

Das Rheintal hat sich stark verändert. Die Hallenbäder dienen heute als Bordelle für die russischen Besatzungssoldaten. Дональд hat vergoldete Armaturen gespendet – überall goldglänzende Hähnchen, Seifen- und Tüechlispender, zum Teil schon ziemlich abgeschabt. Mehr und mehr kommt profanes Messing zum Vorschein, was dem Schmuddel dieser halbseidenen Architektur eine besondere Note verleiht.

Zum Glück ist die katholische Kirche Widnau beim Überfall verschont geblieben und dient als russisch-orthodoxer Ort der Begegnung. Die ehemaligen evangelischen Kirchen wurden in Hallenbäder umgebaut. Besonders beliebt ist das Familienbad in der ehemaligen Kapelle Widnau.

So tragisch die ganze Geschichte, so ist sie doch – zumindest aus Sicht der ehemaligen Schweiz – korrekt abgelaufen. Nachdem die ehemaligen Nato-Staaten im Streit auseinandergedriftet waren, stand der Russe schon bald am Rhein. Um schweizerische Abwehrstellungen zu errichten, war eine Baubewilligung notwendig. Noch während der Einsprachefrist spazierte die russische Division «Helvetska» dreist auf unser Staatsgebiet. Die Schweizerische Vereinigung gegen Schiesslärm verhinderte den Einsatz der einheimischen Artillerie und Infanterie. Das hat die Russen nicht gekümmert. Dieser Regelverstoss liegt nun beim obersten Gericht des Oblast Helvetska.

Für uns, die unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen mehrheitlich aus zweiter Hand beziehen, lief der russische Überfall wie ein B-Movie ab. Trotz der durch die Besatzung verursachten Unannehmlichkeiten leben wir unser Leben, pauken russische Vokabeln, arbeiten uns an den mit 1000 Ausnahmen garnierten Deklinationen ab und verzweifeln an der korrekten Aussprache.

Unser 11. Stock im Altersheim hat einen geheimen Fondue-Zirkel gegründet. Am Personal vorbei schmuggeln wir Caquelon, Kocher und Käse – alles auf dem Schwarzmarkt beschafft – nach draussen und treffen uns jeweils im schütteren, vom Heerbrügggler Forst übrig gebliebenen Wäldchen oberhalb des Heims.

Man muss schon aufpassen. Einmal haben uns russische Ordnungskräfte den heissen Käse auf die Hosen gekippt. Das war gar nicht nett. Heute halten wir zur Schadensbegrenzung immer eine Flasche Wodka als Gschänkli bereit. Übrigens: zwecks erhöhter Wodkaproduktion wurden die Weinberge zu Kartoffeläckern umgepflügt. Immerhin gibt es in den Devisenshops Rotwein aus dem Kaukasus zu kaufen.

Unser wirtschaftliches und politisches System spielt sich auf drei Ebenen ab: zuunterst eine spezielle Form von Kinderhort-Sozialismus, in der Mitte von der Diktatur gegängelte Scheinparlamente und zuoberst wie gewohnt astreine Kleptokratie.

Unsere Scheinparlamente sind sehr begehrt: ordentliche Entschädigung, unbeschränkte Amtszeiten, kein mühsames Unterlagenstudium. Allerdings muss man bei Abstimmungen wie ein Häftlimacher aufpassen, dass man rechtzeitig den richtigen Knopf drückt, sonst wird man aus diesem Paradies der Faktenfreiheit ausgestossen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass Ursula von der Leyen als Vorhangnäherin in einem Kombinat bei Chemnitz ihre Rente aufbessert.


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