Korrekt ertrunken

Erwin Bürgisstaller war ein gut gebauter Mann, der sich regelmässig im Fitnessclub stählte. In seiner Wahrnehmung schwärmten die Frauen von ihm. Was er schamhaft verschwieg: Er konnte nicht schwimmen.

Als Outdoor-Abenteurer ging er gern an den Hänggisee fischen. Eines Tages entglitt ihm die Rute. Beim Nachfassen sank er im mürben Seegrund ein, verlor das Gleichgewicht und wurde von einer heimtückischen Strömung vom Ufer abgetrieben. Nachdem er seine Nichtschwimmerscham überwunden hatte, schrie er um Hilfe.

Gisèle Marquetroix, die an diesem trüben Herbsttag allein am Ufer spazierte, kramte sofort ihr Smartphone hervor, das ihr die Enkel zum 90. geschenkt hatten. «Grosi, wir haben dir drei Notfallnummern gespeichert, die du wählen kannst, wenn du in Schwierigkeiten bist.»

Sie wählte die erste Nummer. «Rettungsdienst Butzisdorf», meldete sich ein sonorer Bass. «Grüezi, hier Gisèle Marquetroix, bitte kommen Sie so schnell wie möglich an den Hänggisee, hier ist ein Mann kurz vor dem Ertrinken.» Der Mann grunzte vertrauenserweckend. «Das würden wir sehr gerne tun, Frau Marquetroix, aber der Hänggisee liegt nicht auf unserem Gemeindegebiet …»

Gisèle drückte das Gespräch verärgert weg und wählte die nächste Notrufnummer. «Polizeiposten Färmikon.» Gisèle schilderte kurz den Sachverhalt und bat um Hilfe. «Tut uns leid, wir haben keine Berechtigung zur Rettung in Gewässern unterhalb der Kategorie IIIb», beschied man ihr.

Erwin Bürgisstaller hatte an Lautstärke verloren, und Gisèle drückte hektisch die dritte Nummer. «Feuerwehr Knülchen», meldete sich eine mitfühlende Stimme. Gisèle schilderte den Vorfall eindringlich. «Frau Marquetroix, das tut uns sehr, sehr leid! Bedauerlicherweise können wir mit unserem Fahrzeug nur bis zur Waldkreuzung fahren; bis zum See herrscht striktes Fahrverbot. Bis unsere Leute am Ufer sind, gibt es für die betroffene Person keine Überlebenschance mehr.»

Ganz im Widerspruch zu ihrer gepflegten Erscheinung stiess Gisèle einen derben Fluch im bodenständigsten Patois aus, auf dessen Übersetzung wir an dieser Stelle verzichten wollen.

«Frau Marquetroix, sind Sie noch da? Hören sie, wir bergen die betroffene Person mit unserer Tauchgruppe. Für Sie stellen wir ein Care-Team zusammen, damit Sie diesen schrecklichen Vorfall verarbeiten können, ergänzt mit einer Aromatherapeutin und einem Fachspezialisten Aquanautische Psychologie.»

Langsam wurde es still um Herrn Bürgisstaller. Sein Überlebenskampf war zu Ende und er versank in den moorig-trüben Fluten des Hänggisees. Sein Tod war bedauerlich, aber formaljuristisch korrekt.

Nach diesem durchaus legalen Ablaufszenario entschied sich Gisèle Marquetroix, für den Verstorbenen wenigstens eine kleine Gedenkstätte am Ufer zu organisieren, mit Kuscheltierchen, Kunstblumen, Kärtchen und Salzteigfigürchen.

«Dafür brauchen Sie eine Baugenehmigung», ermahnte sie der zuständige Beamte der Standortgemeinde. «Die Platzierung von Kuscheltieren untersteht kantonalem Baurecht, bei den weiteren Objekten gilt es die Einsprachefrist der Anwohnerschaft zu berücksichtigen.»

Sobald alle Einsprachen bereinigt sind und die behördlichen Bewilligungen vorliegen, können voraussichtlich im März 2028 ein Bärli, zwei Häsli, ein Wildsäuli, eine Superman-Figur aus säureresistentem Kunststoff, drei Kunstblumenbouquets und 16 Salzteigfigürchen des örtlichen Kindergartens in der Nähe der Ertrinkungsstelle platziert werden.

Damit dieser Ort bis dahin nicht vergessen geht, erfolgte bei der Schweizerischen Landestopografie eine Standorteintragung. Aus Gründen des Datenschutzes muss diese von der Vereinigten Bundesversammlung bewilligt werden, anschliessend geht sie in die Vernehmlassung.

Involviert sind die folgenden Organisationen: IG Keimfreie Schweizer Weiher, Verein Unser Land in unserer Hand, Freunde des Hänggisees, Liga für Mass und Mitte, Pädagog*innen Gegen Synthetische Spielzeugtiere PGSS, Salzteig für Afrika, Vereinigung Ostschweizer Seeuferreinigerinnen und -reiniger, Liga für leichenfreie Gewässer, Kampffront gegen die Verschandelung von Naturufern KaVeNa sowie 223 weitere bedeutende Institutionen.

Bedauerlicherweise konnte Erwin Bürgisstallers Fitnessabo nicht rechtzeitig gekündigt werden. Die entsprechende Prozessakte liegt zurzeit beim Bundesverwaltungsgericht.


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