Maria Kunz war von 1961 bis 1963 meine Unterstufenlehrerin. Wie damals üblich, wurde sie mit «Fräulein» angesprochen. Wer zur Frau mutieren wollte, musste sich die ä-Pünktchen und das -lein mit einer Heirat wegverdienen.
Heirat war schon immer eine Lotterlotterie, früher erst recht. Heute gönnen wir uns Beziehungen auf Probe, trennen uns bei Bedarf oder bleiben ohne Gesichtsverlust solo. Noch in den 60er-Jahren stürzten sich Mann und Frau mangels Alternativen direkt ins Abenteuer Ehe, merkten oft, dass sie nicht zusammenpassten und quälten sich durch den Lebensrest.
Maria Kunz blieb ein «Fräulein». Ich könnte jetzt dem Hildegard-von-Bingen-Reflex erliegen und zeitgeistige Narrative in ihren Lebenslauf impfen: Maria Kunz als emanzipierte Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nahm. Ideologisch geschminkte Biografien mag ich nicht; meine Froschperspektive ist schon eng genug.
Maria Kunz war wie ein Sommertag: sonnig, warm und von gelegentlichen Gewittern durchzogen, eine lebhafte Sechzigerin mit sonnengebräunter Haut, leicht asiatisch wirkenden Augen und silberhellem Haar. Als Erstklässler in der Blumenau St.Gallen habe ich meine Lehrerin so geliebt, dass ich sie heiraten wollte. Kinder sind selten berechnend. Ihr Alter war mir gleichgültig und ihr Humpeln egal.
Das kam so: Als Mädchen hatte sich Maria Kunz, wie sie unserer Klasse einmal erzählte, mit Schlittschuhen an einen Schlitten der Brauerei Schützengarten gehängt, der Eisblöcke transportierte. Sie geriet unter eine Kufe, die ihr alle Sehnen und Muskeln eines Unterschenkels abtrennte. Glücklicherweise konnte eine Amputation verhindert werden. Den leicht punktierten Gehrhythmus von Maria Kunz habe ich heute noch im Ohr.
Maria Kunz’ Lese und Schreibunterricht bleibt mir in bester Erinnerung: anschaulich, lustvoll, effizient und herrlich wissenschaftsbefreit. Wir reisten durchs ABC, lernten jeden Buchstaben einprägsam kennen, immer begleitet von einem kleinen Wortschatz, der ohne Krampf kleine Satzbildungen ermöglichte und so die Lernmotivation wachhielt.
Ohne Schimpf und Schande korrigierte Maria Kunz unsere Texte mit filigranen Hinweisen, die nicht Makel, sondern die Geborgenheit des Richtigen signalisierten. Wir lernten die Wörter first time right, ohne didaktische Umwege, was auch für weniger Lese- und Schreibgewandte ein Segen war.
«Fräulein Kunz, mir ist schlecht», war die meistgehörte Klage im Schulzimmer. Dann stolzierte sie zum Wandschrank, beträufelte einen Würfelzucker mit Klosterfrau-Melissengeist und schob ihn dem leidenden Kind in den Mund. Kein Wunder, war Übelkeit in unserer Klasse weit verbreitet.
Auf Ausflügen rannten wir die steilen Wege hinauf und bewegten die Unterarme so, als wollten wir ein Seil aufwickeln, dazu der Kuckuck-Terz-Gesang: «Fräulein Kuenz ufezüchä – Fräulein Kuenz ufezüchä …» Die virtuell so Hochgezogene bedankte sich fröhlich schnaufend.
Maria Kunz residierte mit ihrer Schwester, einer Apothekerin, in einem gediegenen Stadthaus an der Museumsstrasse, umsorgt von «Fräulein» Anneliese, der Haushälterin.
Irgendwann durfte ich meiner Lehrerin ein Dokumentenmäppchen nach Hause bringen. Nach dem Ziehen des erlesenen Klingelknaufs ging’s vom heissen Sommertag in den schattigen Hausgang, die breite Treppe hoch, Herzklopfen und Schweisshand am Mäppchenkarton.
«Fräulein» Anneliese empfing mich ehrerbietig, führte mich in den Salon und bot mir ein Getränk an. Als ich den Mund weder auf noch zu brachte, glitt sie lächelnd in die Küche und kam mit einem Glas Himbeersirup zurück.
Nach angemessener Wartezeit erschien die Herrin des Hauses und nahm das Mäppchen herzlich dankend an sich. Nach einem netten Smalltalk, so wie er mit einem verstockten Unterstüfler eben möglich ist, machte ich mich auf und davon.
So sehr ich Maria Kunz mochte, eines verzeihe ich ihr bis heute nicht. An einem Kinderfest klagten wir: «Fräulein Kunz, wir sterben vor Durst.» Statt einem kühlen Halbhalb gab’s folgenden Tipp: «Kommt, Kinder, wir trinken Luft!» Sie hob ihren Kopf Richtung Himmel und sog lustvoll die Luft ein, als wäre dies der angesagteste Drink der Welt. Wir taten es ihr nach. Und siehe da: Zu meinem grossen Ärger hatte ich keinen Durst mehr. Maria Kunz’ Kollektivhypnose hatte die Vorfreude auf ein lustvolles Halbhalb-Besäufnis gründlich vergällt.
Davon abgesehen: Vielen Dank, Maria! Ich würde dich heute noch heiraten.