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«Rik, welche willst du sehen?» Ana hat beide Hände hinter dem Rücken versteckt und lächelt Roerling erwartungsvoll an. Dieses kindliche Ritual ist also auch nach 500 Jahren noch erhalten geblieben. Einige Staunsekunden später fasst sich Roerling. Als national gesinnter Kapitalist entscheidet er sich für rechts. «Erraten», strahlt Ana und streckt ihm ein kleines Paket hin. Roerling nimmt es mit gedämpft gebrummtem Dank entgegen und öffnet es: seine fünf verloren geglaubten Diamanten, frisch poliert und geruchfrei. Roerling ist sprachlos.
Ana muss ein Lachen unterdrücken und wird dann ernst: «Rik, es tut mir so leid, aber diese wiedergefundenen Diamanten sind heute praktisch wertlos; sie retten dich nicht vor deinen materiellen Problemen. Die Versteigerungen deiner Wertpapiere harzen, dein Vermögen ist mit dem heutigen Wirtschaftssystem nicht mehr kompatibel. Aber ich kann dir einen Vorschlag machen.»
Roerling ist bestürzt, ein Leben lang hat er geschuftet, gelinkt und beschissen, um sich eine komfortable Existenz zu sichern, hat einen riesigen Betrag in 500 Jahre Gefrierzeit investiert und erst noch ein erkleckliches Depot hinterlegt, das ihm zwar zurückerstattet wurde, aber nur noch zu einem Bruchteil des ursprünglichen Werts.
«Hör zu, Rik», unterbricht Ana die unangenehme Stille. «So wie dir geht es vielen 21st Century People. In den letzten 500 Jahren haben sich die Verhältnisse fundamental geändert. Daran müsst ihr euch gewöhnen», so der Nachhall der Simultanübersetzung. «Die meisten von euch, die sich eine eigene Existenz nicht leisten können, werden in eine Wohnanlage nach Gal (ehemals St.Gallen) verlegt. Dort könnt ihr unter einer Bedingung kostenlos leben: Während mindestens sechs Stunden pro Tag müsst ihr euch im Aussenbereich aufhalten, damit ihr von Besuchern und historisch Interessierten bestaunt werden könnt.»
Kurz gesagt: ein Zoo mit 21st Century People zur Ergötzung des Publikums. Roerling schliesst die Augen. Diese Demütigung. Am liebsten würde er sterben. Dieser 500-Jahre-Kühlschrank-Aufenthalt – was für eine Scheissidee.
Roerling spürt eine kleine feste Hand in der seinen. Ana schaut ihn mit glänzenden Augen an. «Rik, es tut mir so leid», flüstert sie in den Translator. «Aber weisst du, wir sind pragmatischer und unkomplizierter als ihr. Für uns ist die Anlage in Gal keine Schande, sondern eine für euch eingerichtete, komfortable Wohngelegenheit mit genügend Rückzugsmöglichkeiten. Die sechs Stunden im Aussenraum, bei Schlechtwetter in einer verglasten Lounge, wirst du schon noch aushalten. Und denk daran: wir lachen zwar gern über eure etwas tranige Mentalität, aber wir lieben euch auch. Ihr seid Kult!»