«Aufgetaut» – Kapitel 3

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Ana wartet mit Roerling auf die nächste Big People Ferry. Das Luftkissengefährt ist eine Mischung aus Eisenbahn und Flugzeug. Kreuzungen mit Querverkehr werden überflogen. Ohne Hindernisse schwebt die Ferry etwa zehn Zentimeter über dem Boden. Dank der kreuzungsfreien Fahrt erreichen sie schon nach gut zwanzig Minuten Gal. «Komm, ich zeig dir die Stadt, dann gehen wir auf den Rosmou (Aussprache: «rosmau», ehemals Rosenberg) zu deinem zukünftigen Quartier.»

Roerling ist die Stadtbesichtigung äusserst unangenehm. Überall wird er angestarrt. Immer wieder hört er unfreundliche Kommentare, die er aber nicht versteht. Einmal kommt ihnen eine Gruppe mit beschriftetem Outfit entgegen: «Kill21». Ana seufzt: «Das ist ein rassistischer Schlägertrupp, der es auf aufgetaute 21st People abgesehen hat. Lass dich nicht provozieren.» Die «Kill21»-Division schreit ihn mit gehässigen, kurz abgehackten Silben an und schwingt blitzende Elektroschocker durch die Luft. Roerling wird es mulmig. Nun geht Ana dazwischen. Er hat sie noch nie so zornig gesehen. Sie zischt die Schläger an wie eine entfesselte Königskobra. Die Heimatschützer des 26. Jahrhunderts verziehen sich.

Im Übrigen ist Gal ganz niedlich. Ein Restaurantbesuch ist nur im Freien möglich, da Roerling mit seinen 186 Zentimetern in die Räume hätte kriechen müssen; dafür wäre ihm sein altmodischer Anzug zu schade gewesen. Es ist schon schlimm genug, dass er im Schneidersitz auf dem Boden hocken muss; die Beizenstühlchen im Massstab eins zu zwei wären unter seinem Gewicht zusammengebrochen.

Beim Anblick der Kathedrale bekommt Roerling feuchte Augen. Er hat sie in seinem früheren Leben einmal besucht und ist wieder beeindruckt. Der Bau ist praktisch unverändert. Um die kleinwüchsigen 26th People nicht zu überfordern, öffnen sich die riesigen historischen Holztüren automatisch. Der Kirchenraum ist wie eine Erlösung, genug gross und im hinteren Eingangsbereich mit einer 21st Toilet versehen.

Nach der Besichtigung der immer noch weltbekannten Abblib (Stiftsbibliothek) steigen Ana und ihr Gast die Treppen zum Rosmou hoch. Da die Stufen nur noch halb so hoch sind wie früher, nimmt Roerling trotz seines fortgeschrittenen Alters zwei Stufen aufs Mal. Sie gelangen in eine einladende Parklandschaft mit villenartigen Bauten, gross genug für Roerling.

«Vor rund 500 Jahren dienten diese Gebäude als Internatsschule für Kinder mit wohlhabenden Eltern», hört Roerling aus Anas Translator. Sie gehen zum Empfang, erledigen alle Formalitäten und Roerling nimmt seinen mit einer Luggage Drone abgelieferten Koffer. Ana, die sich hier durch ihre Tätigkeit als Koordinat für Aufgetaute bestens auskennt, führt ihn in seine kleine Suite – sein zukünftiges Zuhause.

Roerling ist mit seinem Schicksal wieder versöhnt. Die Suite ist zwar nicht pompös, aber behaglich und mit allem ausgestattet, was es zum Leben braucht. Er beginnt sich einzurichten. Ana sieht ihn zögernd an, so zögernd, dass er sich zu einem «Was?» verpflichtet fühlt. «Ich habe ein ganz besonderes Anliegen, das du bitte nicht missverstehen darfst.» Roerling ist gespannt. «Rik, ich bitte dich um einen aussergewöhnlichen Gefallen.» Roerling starrt sie mit offenem Mund an. Anas Gesicht bekommt eine kerngesunde Farbe. Jetzt plötzlich wird Roerling 26.-jahrundertmässig unkompliziert: «Schiess los!»

Ana sammelt sich. «Ich wünsche, dass du dich aufs Bett legst und ich mich auf dich legen darf.» Roerling ist sprachlos. Noch nie in seinen beiden Leben hat er einer Person als Matratze gedient. Und laut sagt er: «Ich soll deine Matratze sein?» «Sozusagen, ja.» Ana flüstert und starrt auf den Boden. «Ich möchte einfach einmal auf einem 21st-Menschen liegen.»

Roerling atmet tief durch. Was soll das werden? Immerhin ist Ana ein angesehenes Kadermitglied der Administration Zurich/Swiss/Eurasia. Andrerseits hat sie so gut zu ihm geschaut, dass er ihr die Bitte nicht abschlagen will. Brummend legt er sich aufs Bett. Zögernd fasst ihn Ana am Oberschenkel, klettert hoch und legt sich auf ihn. Beide liegen auf dem Rücken. Er auf dem Bett. Sie auf ihm.

Roerling riecht ihr wildes Haargestrüpp. Frischer Wind. Einsamer Fichtenwald. Sie liegen still aufeinander und Roerling weiss nicht, was das Ganze soll. Er kennt die Gepflogenheiten des 26. Jahrhunderts viel zu wenig. Als gewiefter Kaufmann hat er sich eine gewisse Offenheit zugelegt. Nur wer zugänglich ist, kommt ins Geschäft.

Plötzlich spürt Roerling, wie sich eine Erektion anbahnt. Das letzte, was er jetzt brauchen kann. Bei der körperlichen Liebe und in verwandten Situationen wird er, obwohl nicht gläubig, temporär religiös. Lieber Gott, bettelt er innerlich, lass mich wieder schlaff werden – das pure Gegenteil seiner stillen Gebete, wenn er eine seiner Liebschaften beeindrucken will: Lieber Gott, lass mich standhaft bleiben.

«Oi», ruft Ana plötzlich, die zeitgemässe Kurzform des traditionellen «O je». Roerlings Kopf glüht. Hat sie etwas gespürt? «Jetzt hätte ich fast einen Termin verpasst.» Ana schwingt sich von der Roerling-Matratze. Sie hat den Aufenthalt auf diesem grossen, fleischigen Mann mit dem weichen Bauch genossen.

«Rik, das werde ich dir nie vergessen, aber ich muss jetzt wirklich los. Ich werde dich in zwei Wochen besuchen. Bis dann.» Ana ordnet ihr widerspenstiges Haar und läuft aus dem Zimmer.


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