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Als Rijkard Roerling die Augen öffnet, entdeckt er neben dem Bett fünf kleinwüchsige Wesen ohne erkennbares Geschlecht, die ihn aufmerksam und leicht belustigt betrachten.
Die offensichtliche Teamleitungsperson spricht einige Silben in den Translator. Um Sekundenbruchteile zeitversetzt hört Roerling: «Willkommen, Rijkard. Vor rund fünf Stunden wurde dein Körper aufgetaut und untersucht. Du erinnerst dich: du hast dich am 2. Mai 2025 in der People Freezing Clinic Zurich einfrieren lassen. Gemäss deinem damaligen Testament hattest du den Wunsch, am 2. Mai 2525 wieder zum Leben zurückzukehren. Nun ist es so weit.»
Roerling, ein Diamanthändler aus Utrecht, steinreich und wegen seines cholerischen Charakters gefürchtet, ist bitter enttäuscht über die nüchterne und wie ihm scheint, fast abfällige Begrüssung. «Seit wann werde ich geduzt?», poltert er. «Für Sie bin ich immer noch Mister Roerling!»
Die fünf Zwerge biegen sich vor Lachen. Einmal mehr ein 21st Century Schizoid Man: ichbezogen, eitel und wehleidig. Ungerührt spricht die Chefperson weiter: «In wenigen Minuten kommt ein Koordinat zu dir, um dich in unsere Lebensweise einzuführen und dich auf dein weiteres Leben vorzubereiten.»
*
Roerling blickt aus dem offenen Fenster in den freundlichen Maitag hinaus. Kein futuristisches Bling-bling wie in ambitiösen Sci-Fi-Movies, sondern ein einladender Park; im Hintergrund begrünte Hausfassaden. Was ihn erstaunt: die Stockwerke dieser Bauten wirken sehr klein. Haben seine Augen während des Tiefschlafs Schaden erlitten?
Schon bald erfährt er, dass sich die Menschen am Ende des 21. Jahrhunderts entschlossen, ihren Körperbau von Generation zu Generation auf kleiner, robuster, agiler, weniger verletzungs- und krankheitsanfällig zu mutieren, was natürlich auch ressourcenschonend ist. Nun liegt die übliche Körpergrösse bei Erwachsenen zwischen achtzig und hundert Zentimetern. Darum dieser Zwergenempfang. Darum die kleineren Geschosse in den Häusern.
Die Illusion der «Raubaffen des 21. Jahrhunderts» (so der aktuelle Sprachgebrauch), nach der Erde weitere Planeten ausbeuten zu können, hat sich weitgehend zerschlagen. Zwar dient der Mond als wichtiger Rohstoff- und Energielieferant und bietet erträgliche Arbeits- und Aufenthaltsbedingungen. Mondfähren bringen die Beschäftigten nach jedem zweiten Monat auf die Erde zurück, damit sie sich während weiterer zwei Monate von der sechsmal schwächeren Gravitation des Trabanten erholen können.
Auf dem Mars hingegen existiert immer noch eine kleine, erbärmlich ausgestattete Kolonie. Durch die dreimal geringere Gravitation und das lebensfeindliche Klima leiden die Menschen an Muskelschwund und weiteren gesundheitlichen Problemen, was die Rekrutierung trotz hoher materieller Anreize erschwert. Motivationshemmend sind auch die rund sieben Monate dauernden Fährverbindungen zwischen Erde und Mars.
Roerling fühlt sich unbehaglich. Wäre ich doch besser gestorben, denkt er. Seine Gespielinnen Vanessa und Corinne, mit denen er sich nach der Scheidung tröstete, hatten sich standhaft geweigert, sich mit ihm einfrieren zu lassen. «Rijkard, spinnst du? Bei aller Liebe: das kannst du von uns nicht verlangen!» Die beiden wehrten sich so überzeugend, dass Rijkard klein beigab und ihnen vor seinem frostigen Abenteuer einen ansehnlichen Betrag hinterliess, ohne natürlich nicht auch an sich selbst zu denken. Er sicherte sein Vermögen mit Wertpapieren, verschiedenen Währungen, Gold, Diamanten und Gemälden ab, um 2525 ein materiell unbeschwertes Leben führen zu können.
Nun sitzt er im Bett eines schlichten Raumes, einem Spitalzimmer nicht unähnlich. Es klopft. Eine Frau tritt ins Zimmer, gut achtzig Zentimeter gross, dunkelhäutig, mit grossen braunen Augen und festem, fast störrischem Haar. Sie spricht einige wenige Silben in den Translator. «Willkommen Rijkard. Ich bin Ana, dein Koordinat. Um dein Überleben im 26. Jahrhundert zu sichern, haben wir deine Vermögensverhältnisse durchleuchtet. Leider ist vieles davon nicht mehr verwertbar. Aber wir können etliche Wertpapiere als Zeitzeugen des 21. Jahrhunderts auf Auktionen versteigern lassen. Es gibt zahlreiche 21st Century Fan Clubs, deren Mitglieder scharf auf solche Dinge sind.»
Roerling ist ernüchtert. Er träumte von einem unbeschwerten Leben mit tollen Autos und langbeinigen Blondinen. Und nun ist er konfrontiert mit Wertvernichtung und einer kleinen dunkelhäutigen Frau. «Gibt’s hier auch irgendwo eine Toilette?», fragt er barsch. «Natürlich», antwortet Ana. Roerling schält sich zögernd aus der Bettwäsche und starrt Ana an. Eigentlich ist sie ganz hübsch, denkt er. Ana kichert, als hätte sie seine Gedanken erraten. «Keine Angst, ich schau dir nicht zu», sagt sie in einer Ungezwungenheit, die ihn verwirrt, und zeigt ihm die Türe zum Bad.
Auch hier kein technoider Schnickschnack, sondern ein einfacher Raum. Als er zum ersten Mal nach seinem fünfhundertjährigen Schlaf das grosse Geschäft verrichtet, hört er ein Klunkern in der WC-Schüssel. Muss irgendeine Erfindung sein, die sich mir noch nicht erschliesst, denkt Roerling.
Anschliessend führt Ana ihren Gast durch die People Freezing Clinic Zurich. Sie befinden sich in der Zone für aufgetaute Ankömmlinge aus dem 21. und den folgenden Jahrhunderten. Auf der linken Seite sieht Roerling durch eine grosse Glaswand in Räume, die in Geschosshöhen von rund hundertfünfzig Zentimetern unterteilt sind, also etwa halb so hoch wie die Räume in seiner ersten Lebensphase. Hier sind Frauen, Männer sowie Personen mit nicht erkennbarem Geschlecht unterwegs und scheinen sehr kurz angebunden miteinander zu kommunizieren.
Später erfährt Roerling, dass die Sprache des 26. Jahrhunderts sehr knapp ist. Schmückende Adjektive sind verpönt, die Artikel abgeschafft, Konjugationen und Deklinationen verschwunden. Das ist auch der Grund, warum das Personal einige Silben in den Translator spuckt und damit wahre 2000er-plus-Epen erzeugt.
Nach und nach stellt Roerling fest, dass sich die Menschen über das 21. Jahrhundert lustig machen. Es gibt viele Kabaretts und Comedyproduktionen, welche die Umständlichkeit und gekünstelte Übergefühligkeit dieser Epoche durch den Kakao ziehen. Es ist eine Hassliebe; man darf nicht vergessen, dass es auch zahlreiche Fanclubs gibt, die das 2000er-plus-Leben in allen möglichen Facetten zelebrieren.
Beliebt sind Rituale wie mit übergrossen Fahrzeugen, die zwanzigmal so schwer sind wie das eigene Körpergewicht, in die Therapie zu fahren, auch wenn man keine braucht – alles nur als amüsantes Rollenspiel. Wer die verrücktere Neurose erfindet, erntet Gelächter und Applaus. Das alles hat etwa den gleichen Kultstatus wie eine Harley-Fahrt mit Barbecue im 20. und 21. Jahrhundert. SUVs und weitere fossile Fahrzeuge unterstehen dem Unesco-Kulturerbe und können für besondere Anlässe gemietet werden.
Gut zwei Wochen später dämmert es Roerling, dass das Klunkern auf der Toilette nicht irgendein technischer Vorgang gewesen war. Es waren seine fünf Diamanten, die er sich als Notvorrat rektal eingeschoben hatte. Fünf verlorene Edelsteine statt einer unerklärlichen Erfindung! Roerling ärgert sich so gründlich wie noch nie in seinen beiden Leben.