Dorflädelerin Rosaria empfiehlt mir «diesen Kaffee da». Ich schnuppere am Sack und lese «Dehmel». Dieser Dehmel-Kaffee erweist sich als verdammt gut und schickt meine faktenfreie Vorstellungskraft nach Wien, wo Dehmel eine angesehene jüdische Familie sein soll.
Die Familie Dehmel, seit Jahrhunderten in Wien ansässig, hat sich ganz der Kaffeerösterei verschrieben. Ich sehe Esra Dehmel, Kaffeeröster in 7. Generation, in seinem Kontor. Die blasse Wiener Wintersonne scheint ihm auf den Rauschebart. Die Schreibfeder kratzt über ein bedeutungsvolles Dokument.
Der Holzboden knarzt, Sohn Benjamin stürmt herein und jubelt: «Vater, die Schiffe haben bereits in Sansibar abgelegt und werden in zwei Monaten in Triest sein.» Vater Esra streicht sich bedächtig über die Kippa und brummt zufrieden.
Irgendwann im Sommer geht uns der Kaffee aus. Rosaria ist in den Ferien. Und der edle Dehmel-Kaffee ist nirgendwo sonst erhältlich. Jetzt heisst’s nach Wien reisen zu den Dehmels, ihnen unsere Aufwartung machen und sie um ihre unvergleichlich röstfrischen Bohnen zu bitten.
Bevor ich den nächsten Wien-Zug heraussuche, lese ich die Adresse auf dem leeren Kaffeesack. Die Entgeisterung ist total. Dehmels rösten nicht in Wien, sondern heissen Demmel und betreiben eine kleine Rösterei an der lärmigen Hauptstrasse in Schaan.
Also keine baumkronenumrauschte Jugendstilvilla in Döbling, kein gediegener Empfang, keine jahrhundertelang gereifte Noblesse. Dafür eine fröhliche portugiesische Mittfünfzigerin, die übers ganze Gesicht lacht, als sie von meinem sekundenschnell entleerten Dehmel-Luftschloss erfährt.
Gottverdemmel, wie kann man sich nur so irren!
Gemäss Wikipedia gibt es in Wien keine jüdische Kaffeeröster-Dynastie Dehmel, sondern seit 1786 eine K.u.K Hofzuckerbäckerei Demel, ohne h und zweites m im Namen. So weit, so edel.