Jakob Arjouni

Jakob Arjouni (1964 bis 2013) war Türke, lebte in Deutschland und erfand eine literarische Detektivfigur, die ihm ähnlich ist: Kemal Kayankaya, Türke, perfekt deutschsprechend, in jeder Beziehung schlagfertig und hartnäckig die aussichtslosesten Fälle lösend.

Dabei liess sich Arjouni auch vom amerikanischen Autor Raymond Chandler inspirieren, der Mitte letztes Jahrhundert als Erster den einsamen Detektiv schuf: Philip Marlowe, übrigens ebenso Vorbild für Philip Maloney, der seine Fälle an zahlreichen Sonntagmorgen auf Radio DRS3 löste.

Jakob Arjouni tönt zwar nicht so türkisch, aber umso mehr glaubte die begeisterte Leserschaft, zu der auch ich gehöre, dass dieser untürkische Name erst recht ein Beleg für seine Nationalität sei. Daraus reifte die Erkenntnis, dass seine Detektivromane autobiografisch geprägt seien.

Auch Arjounis Aussehen entsprach nicht einem Mustertürken, was den Glauben an sein Türkischsein noch mehr festigte. Immerhin war er nicht so gross und liess sich mit ein bisschen Fantasie einem südländischen Typus zuordnen.

Es gibt Menschen, die gegen jegliche Faktenchecks sind. Denn wenn man nicht mehr über Ungeprüftes diskutieren könne, würde jeder gesellige Abend veröden. Der Fakt als Diskussionskiller, als fantasietötende Spassbremse, als Zerstörer leidenschaftlicher Streitgespräche.

Dazu fehlt mir einfach die nötige Enthaltsamkeit. Irgendwann widerstand ich der Versuchung und wollte mehr über Arjouni erfahren: In Wirklichkeit hiess er Jacob Benjamin Bothe, Sohn des Dramatikers Hans Günter Michelsen und durch und durch deutsch. Später nahm er den Namen seiner marokkanischen Lebenspartnerin an und nutzte ihn für sein Pseudonym.

O je, schon wieder ein futsches Narrativ. Tröstlich ist, dass die Romane von Bothe alias Arjouni immer noch packende Lektüre bieten, und dass auch ein Volldeutscher sich überzeugend empathisch in einen fiktiven Zweit-Generationen-Türken einfühlen kann.


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