Sonntagabend im leeren Newsroom. In der noch virtuellen Montagausgabe gehe ich auf Fehlerjagd. Irgendwann setzt sich ein Mann hinter eine Armada von Bildschirmen, lässt den Blick darüber schweifen, töggelt hin und wieder ein kurzes Stakkato in die Tasten.
Jung, behäbig gebaut, mit Tatoos übersät und mit Ohr- und Nasenringen bestückt. Meine Denkschablone schlägt Alarm. Wäre dieser Typ nicht eher geeignet für einen Rausschmeisser-Job in einem Nachtclub als für feinsinnigen Journalismus, der einordnet, Ikonen kürt und unermüdlich auf Spurensuche geht?
Unsere Blicke kreuzen sich. Wir winken einander zu. Entweder muss ich jetzt mein Weltbild ordnen oder ins kalte Wasser neuer Erkenntnisse springen. Ich entscheide mich für beides gehe zu ihm: «Hoi, ich bin Thomas.» «Jussuf», entgegnet er freundlich.
Unser Smalltalk geht in die Breite und ich stelle fest, dass Jussuf astreinen St.Galler Dialekt spricht. Nach und nach erfahre ich, dass er Online-Redaktor ist, dass seine Eltern vor dem Erdogan-Regime geflohen sind, dass er sich bewusst für eine Schweizer Bürgerschaft entschieden hat und Hauptmann im Militär ist.
Er sagt: «Ich kann Leute nicht verstehen, die das Militär überflüssig finden. Die Schweiz ist doch eine Demokratie, die es sich zu verteidigen lohnt.»
Für zeitgeistige Mainstreamer mag das pathetisch klingen, aber Jussuf hat eine Perspektive, die den meisten von uns fehlt.