Das Kommödchen

Beim Möbel-Grossverteiler habe ich mich in ein Kommödchen verguckt, das unseren Hausgang zieren soll. Es war Liebe auf den ersten Blick: klein genug, um keine Platzangst zu kriegen und gross genug, um die Sauerei auf Treppe, Garderobe und Boden dort hinein zu verlagern.

Die erste naheliegende Handlung war die Ausschau nach Verkaufspersonal. Ja, da vorne gestikulierte jemand, mitten in einem Kundengespräch, leicht ungeduldig. «So, wenn das hier fertig ist, ist Zeit für eine Pause», liess er sich so laut vernehmen, dass sich eine Gruppe von fünf Ratsuchenden betreten auflöste wie eine Horde Schakale, denen man das Aas weggenommen hat.

Also weitersuchen. Ich schaute mich um. Flitzte dort hinten nicht eine weisse Berufsschürze durch den Möbelwald? Nichts wie los! Als ich ihr den Weg abschnitt, um mein Kaufanliegen vorzutragen, glitt sie lächelnd an mir vorbei. «Tut mir leid, ich bin nicht von dieser Abteilung.» Tönte fast wie: «Ich bin nicht von dieser Welt.»

Als ich in dieser Welt keine Spur von verkaufswilligem Personal mehr entdecken konnte, wagte ich mich in die weitläufigen Lagerhallen hinter der Verkaufsfläche, wo sich introvertierte Magaziner tummeln. «Wenden Sie sich doch bitte ans Kassenfräulein!» Die Kasse war leer. Also wanderte ich zu den Kassen am anderen Ende der Möbelwelt.

«Entschuldigen Sie, ich möchte gerne etwas kaufen …» «Das müssen Sie nicht mir sagen», tönte es zurück. «Ich finde kein Verkaufspersonal», wimmerte ich. «Was wollen Sie denn?» Die gute Person hatte Mitleid bekommen. «Das Kommödchen dort, äh, ungefähr in dieser Richtung.» «Ich kann es nicht sehen.»

Wie durch ein Wunder huschte jemand vorbei. «Herr Camenzind, gehen Sie doch mal mit dem Herrn da mit, der möchte irgendetwas kaufen.» Herr Camenzind nahm mich murrend ins Schlepptau. Nach drei Schritten hielt er an und fragte unwillig: «Was wollen Sie überhaupt?» «Das Kommödchen da hinten», stöhnte ich verzweifelt. Herr Camenzind blickte ins Leere. «Ich weiss nicht, was sie meinen.» «Das da hinten. Könnten Sie vielleicht mitkommen? Es ist gar nicht mehr weit.»

Nachdem es mir gelungen war, Herrn Camenzind wie ein störrisches Kälbchen vor das Kommödchen zu locken, triumphierte ich innerlich: Jetzt holt er einen Rollwagen, bringt es mit mir zur Kasse – und fertig. «Das können Sie so nicht mitnehmen, das ist ein Ausstellungsmodell.» «Dann möchte ich es gern bestellen», bettelte ich. «Da müssen Sie ans andere Ende, Ausgang B, Herrn Sausgruber verlangen und die Bestellnummer angeben.»

«Aber …», stammelte ich, als mir Herr Sausgruber ein flaches Riesenpaket hingeschoben hatte. «Das ist schon das Richtige», beruhigte er mich. «Es ist zum Selbermontieren. Hat Ihnen das niemand gesagt?»

Die ersten drei Monate ruhte das Paket im Keller. Als das Chaos im Hausgang überbordete, entschloss ich mich zum Unterlagenstudium. Ich kämpfte mich durch eine 15-sprachige Broschüre mit Warnhinweisen wie «Personen mit geistiger Einschränkung dürfen die Montage nur in Begleitung durchführen» und einen Satz Fotokopien, archaische, schwer entzifferbare Zeitzeugen aus der Xerox-Gründerzeit.

Die folgenden zwei Monate empfingen wir unsere Besuche nur noch über den Kellereingang; die Auslegeordnung des Materials verhinderte das Betreten des Hausgangs. Nach einigen flucherfüllten Abenden stand das Ding da und verströmte in aller Unschuld einen kantigen Harzduft.

Leider war das Kommödchen der Hektik des Alltags nicht gewachsen. Das hastige Wühlen jeweils fünf Minuten vor Abfahrt setzte dem Möbelchen derart zu, dass schon bald alle Schubladenabdeckungen weggerissen waren.

Was lernen wir daraus? Auch ein heiss begehrtes, hart erkämpftes und qualvoll zusammenbebautes Traumkommödchen erfüllt nicht alle Erwartungen.


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