«Aufgetaut» – Roman

Was bisher geschah

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Salopp gesprochen ist Sandra eine richtige «Züri-Chatz». Auch rund 500 Jahre nach ihrer Wiedergeburt aus der Tiefkühlklinik spricht sie ein warmes, astreines Züritütsch. Da ich es selber nicht beherrsche und den Lesefluss nicht mit zäh entzifferbaren Dialektpassagen hemmen will, verzichte ich auf Originalzitate.

Sandra ist 54 und eine umwerfend schöne Frau. Weil sie ihre Schönheit erhalten will, kratzt sie Geld für ein Anti-Aging-Programm zusammen. Sie möchte ihre sanft bronzierte Pfirsichhaut für weitere Jahre frischhalten. Roerling, der alte Weiberheld, hat schon lange ein Auge auf sie geworfen. Aber er weiss: gerade bei dieser eigenwilligen Person ist Geduld angesagt. Ein falsches Wort, eine falsche Berührung, ein falsches Timing – und sie ist ihm auf ewig verloren.

Sandra mag Roerling, diesen gut siebzigjährigen Charmebolzen mit seinen wasserblauen Glubschaugen und dem kratzend-gurgelnden holländischen Akzent, der ihn trotz seiner perfekten Deutschkenntnisse verrät.

«Je lauter dich Roerling anbrüllt, desto steiler ist deine Karriere», witzelten die Angestellten vor 500 Jahren in Roerlings Rohstoffunternehmen. Wer sich ihm widersetzte, wurde gnadenlos angebrüllt – und in aller Regel irgendwann befördert. Viele Mitarbeiter, die seinen Zorn nie provoziert hatten, fühlten sich zurückgesetzt. «Mister Roerling, ich habe Sie kein einziges Mal erzürnt, warum kriege ich den Posten nicht?» Roerling lakonisch: «Weil Sie meinen Puls nie in Schwung gebracht haben.»

Genauso ist es mit Sandra. Wäre sie eine durch und durch nette Person, hätte sie Roerling trotz ihrer Schönheit keines Blickes gewürdigt. Ihr spöttischer Blick und ihre spitzen Bemerkungen bringen Roerling innerlich zur Weissglut – und gleichzeitig nötigt sie ihm Respekt ab. Ambivalenz ist das Salz des Lebens.

Die beiden sind sich mehrere Male im Park der Wohnanlage begegnet. Nach einigen Smalltalks machen sie sich einen Spass daraus, während der notwendigen mindestens sechsstündigen Publikumsbesichtigungen zu flirten, was das Zeug hält – sehr zur Ergötzung der Neugierigen und Wissenschaftler, die sich neue Erkenntnisse über das Liebesleben im 21. Jahrhundert erhoffen.

So haben alle einen Gewinn: Roerlings und Sandras Konti werden durch die abgeleisteten Schaustunden dicker und die 26th People haben ihren Spass.

Eines Tages schlägt Sandra Roerling einen Ausflug vor. Ihr üppiges Präsenzstundenreservoir ermöglicht ihnen einen freien Tag. Sie mieten ein Luftkissen-Bike, setzten die Helme auf, schwingen sich auf das motorradähnliche Gefährt und schwirren in die sattgrüne Baum- und Wiesenlandschaft nördlich des Rosmou Richtung Loc (Bodensee) davon.

Sandra krallt ihre Hände in Roerlings Unterleib. Irgendwann beginnt sie ihn zu kitzeln. Roerling kann sich kaum mehr halten, bremst das Bike ab, kugelt laut lachend in eine Blumenwiese und reisst sich den Helm vom Kopf. Einige Wildkühe stieben auseinander und trotten zum nächsten Cowpo («Kaupo», Station mit Trinkstelle und Melkautomat).

Sandra kugelt hinten nach – und weg mit dem Helm. Sie rollt sich auf den Rücken und zappelt sich die Heels von den Füssen. Dann streckt sie die Zehen unter Roerlings Nase. Eine Mischung aus Frische und warmem Schuhleder. Er liegt wie eine flachgewalzte Comicfigur auf dem Boden und schliesst die Augen.

Plötzlich spürt er Sandra auf sich. Im Schatten ihrer herunterfallenden Haare schauen sie sich an. Malvenduft. Plötzlich erinnert sich Roerling an Anas Frischwind-Fichte und kommt sich vor wie ein Verräter.

Er verdrängt diesen Impuls und blickt in Sandras Gesicht. «Oh, was ik maar een klein mugje, gevangen in het amber van je ogen.» – «Oh, wär’ ich doch ein Mückelein, eingeschlossen im Bernstein deiner Augen.» Auch ein Geldmensch kann poetisch sein; allerdings behält er den Gedanken für sich.

Sandras Augen – ja: bernsteinfarbig, angereichert mit Neugier und einer Prise Spott. «So, du alter Holländer-Hirsch?», witzelt sie. «Irgendwie siehst du aus wie Didi Hallervorden.» Das «…vorden» geht nahtlos in ein «vo-vo-vo»-Gelächter über. Sie rollt sich von Roerling weg, lacht, lacht, kniet, schlägt mit beiden Fäusten auf den Wiesengrund und lacht und lacht, bis ihr die Tränen über die Wange rollen.

Roerling ist beleidigt, macht aber auf cool und zeigt mit dem Daumen nach hinten auf das Bike. «Was, willst Du schon zurück?», fragt Sandra entgeistert. Roerling lässt sein Schmollen verpuffen, kriecht auf allen Vieren zum Bike und entnimmt dem kleinen Kofferraum eine Champagnerflasche und zwei Gläser.

«Ah, du willst mich verführen», ruft Sandra ironisch entsetzt und bricht wieder in Lachen aus. Roerling, ganz Gentleman, lässt den Schampus akkurat spritzen, füllt die Gläser und reicht eines Sandra hin. Sie prosten sich zu, Sandra setzt sich neben Roerling. Beide blicken auf den Loc.

Fortsetzung folgt

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